Weltweit erste Urtextausgabe von Béla Bartóks Mikrokosmos – ein Schlüsselwerk der Klaviermusik des 20. Jahrhunderts - jetzt erhältlich!

Kaum überschätzt werden kann sowohl die klavierpädagogische als auch die musikgeschichtliche Bedeutung des erstmals 1940 im Druck erschienenen Mikrokosmos von Béla Bartók. Das Werk erscheint weltweit erstmals als Urtext-Ausgabe.

Dr. Jochen Reutter über die Entstehung der neuen Urtextausgabe von Bartóks Mikrokosmos

  • Komplett in drei Bänden nach Bartóks Originalkonzept
  • Mit unveröffentlichten Stücken und Frühfassungen
  • Mit pädagogisch aufschlussreichen Sonderfassungen für Bartóks Sohn Péter
  • An den Quellen überprüfter und berichtigter Notentext
  • Mit spielpraktischen Varianten in Fußnoten
  • In neuem, lesefreundlichen Notenbild
  • In praxisgerechter Seitenaufteilung
  • Mit Bartóks 1944 vervollständigten Anmerkungen zu sämtlichen Stücken
  • Mit einem Glossar ungewöhnlicher Vortragsbezeichnungen
  • Mit Hinweisen zu Studium und Interpretation
  • Mit Kritischen Anmerkungen

Mit seinen insgesamt 153 Stücken stellt Bartóks Mikrokosmos nicht nur eine beeindruckende Sammlung von "progressive piano pieces" dar (so der Untertitel), sondern bildet als ein in dieser Art singulär gebliebenes Kompendium

 
„Eine umfassende satztechnische wie stilistische Einführung in die Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“

und dies von den ersten Klavierstunden bis zum Konzertrepertoire.

Ohne selbst dem eigentlichen Sinne nach eine Klavierschule zu sein, bietet er für zahlreiche spieltechnische Probleme gleichwohl reichlich Anschauungsmaterial von eigenem künstlerischem Wert. Insofern darf es nicht verwundern, dass der Mikrokosmos immer wieder in einem Atemzug mit dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach und den Etüden von Frédéric Chopin genannt wird, in denen sich auf ähnliche und doch jeweils ganz eigene Weise ästhetische Prämissen und pianistische Anforderungen des 18. und 19. Jahrhunderts widerspiegeln.

Darüber hinaus finden sich im Mikrokosmos mehr als in jedem anderen von Bartóks Werken unterschiedliche Aspekte seines umfassenden künstlerischen, wissenschaftlichen, schöpferischen und pädagogischen Wirkens vereint – und dies ohne Verlust kompositorischer Authentizität.

Eine kleine Welt

Béla Bartók soll schon in jungen Jahren J. S. Bachs Wohltemperiertes Clavier als „Mikrokosmos“ bezeichnet haben. In diesem Sinne ist wohl auch Bartóks Definition seines Mikrokosmos als


„Eine Reihe von Stücken in allen verschiedenen Stilen, die eine kleine Welt ausmachen.“

zu verstehen. Der „Mikrokosmos“, der nicht nur Klavierspiel fokussiert, äußert sich auch in den Stücken, in denen Bartók das Singen mit Klavierbegleitung integriert, ebenso in den Arrangements für vierhändiges Klavierspiel an zwei Instrumenten.

Bartók am Mikrokosmos-Mikroskop. The Musical Times, New York, März 1941

The Musical Times, New York, März 1941

Bartóks Klavierunterricht

Bartóks Sohn Péter schrieb über seinen Unterricht beim Vater:

„Sein Lehrprogramm folgte durchaus nicht der bewährten Methode irgendeiner ,Klavierschule‘.
Zu Beginn mußte ich nur singen.“


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Aus Bartóks Anmerkungen zum Mikrokosmos von 1944:
Singe und spiele das Stück! Vergleiche es mit der Sprache. Um die Möglichkeit des musikalischen Ausdrucks zu unterstreichen, wurden fragende und antwortende Verse zu den entsprechenden Abschnitten der Melodie gesetzt. Es wird empfohlen, das Stück von zwei Schülern (oder von zwei Schülergruppen) abwechselnd singen zu lassen, bevor es am Klavier geübt wird.

Das pädagogische Konzept

In seinem kompositorischen und pädagogischen Meisterwerk Mikrokosmos stellte Bartók die Essenz seines Klavierschaffens in konzentrierter Form dar. Er sah den Zyklus als eine Einführung in die moderne Klangwelt und als „Synthese aller musikalischen und technischen Probleme“. Die Stücke hat Bartók vor der Drucklegung in aufsteigender Schwierigkeit geordnet, von sehr einfachen Kinderstücken bis zu schwierigen Konzertsätzen wie dem berühmt gewordenen Ostinato.

„Meine Idee war es, Klavierstücke zu schreiben mit dem Ziel, Schüler vom allerersten Anfang an durch die wichtigsten technischen und musikalischen Probleme zu führen bis hin zu einem bestimmten Grad der höheren Reife.“


Bartók mit seiner Schülerin Ann Chenee in seiner Wohnung in der 57th Street in New York. Auf dem Flügel liegt rechts die amerikanische Originalausgabe des Mikrokosmos.

Erste Urtext-Ausgabe von Bartóks Mikrokosmos - nach Bartóks Originalkonzept in drei Bänden

Die Aufteilung des Mikrokosmos in sechs Hefte, wie sie die Originalausgabe bietet, entsprach eigentlich nicht Bartóks Plan. Vielmehr hatte er sich ausdrücklich für eine Verteilung auf drei Bände ausgesprochen:

„Meine Idee ist es, sie in drei Bänden zu veröffentlichen ... :
I. Die leichtesten Stücke,
II. die weniger leichten Stücke,
III. die schwereren.“

Aus diesen Gründen stellt die neue dreibändige Ausgabe der Wiener Urtext Edition die ursprünglichen Intentionen des Komponisten wieder her und vereint jeweils zwei Hefte der Originalausgabe in einem Band.

                   

Die Neuausgabe der Wiener Urtext Edition geht vom Text der Originalausgabe aus und arbeitet sämtliche aus dem kritischen Vergleich der Quellen gewonnenen Ergänzungen und Korrekturen in den Notentext ein. Einige Fehler haben sich bis heute tradiert. Sie beruhen zum Teil auf Lesefehlern und Missdeutungen des Notenstechers. Stellvertretend hierfür sei ein häufig vorkommender Fingersatzfehler genannt: Bartók hatte die Angewohnheit, Tempoangaben und Metronomzahlen durch Kommata abzutrennen. Kam nun ein solches Komma dicht ober- oder unterhalb eines Notenkopfes zu stehen, wurde es vom Notenstecher zuweilen mit einer Fingersatz-1 verwechselt; dies konnte umso leichter geschehen, als Bartók die Ziffer 1 als kleinen, einem Komma vergleichbaren Strich schrieb - wie in dem Stück "Thirds - Terzen":

So steht in der Originalausgabe versehentlich die eine oder andere Fingersatz-1 an einer Stelle, wo sie im besten Falle überflüssig, im schlechtesten aber falsch ist. 

Die neue Urtextausgabe der Wiener Urtext Edition korrigiert diese Lesefehler.

Nr. 71 (Thirds – Terzen) ist in der Sonderfassung für Péter Bartók einige Takte länger als in veröffentlichten Version. Bartók hat hier zusätzliche Crescendo-Zeichen angebracht, durch die die nachfolgenden Akzente dynamisch vorbereitet werden sollen.

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Terzen - Thirds in der Sonderfassung für Péter Bartók wurde bereits vor der Veröffentlichung aus Korrekturabzügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition von Verena Gahbauer eingespielt.

Die neue Urtextausgabe enthält bisher unveröffentlichte Stücke und Frühfassungen

Neben den 153 publizierten Stücken des Mikrokosmos enthalten die Quellen auch einige von Bartók nicht veröffentlichte Stücke sowie kompositorisch wie pädagogisch aufschlussreiche Frühfassungen der Nummern 145 und 147. Von den unveröffentlichten Stücken wurden die vollständig aufgezeichneten in die Ausgabe der Wiener Urtext Edition aufgenommen, wie das folgende Stück aus Band 2 der neuen Ausgabe der Wiener Urtext Edition.

Das bisher unveröffentlichte Stück B II/4 ist ein sog. Flageolett-Stück, in dem stumm angeschlagene Akkorde durch real angeschlagene Töne in der anderen Hand als Obertöne zum Mitschwingen angeregt werden. Auf diese Weise entstehen bezaubernde Nachhall-Klänge.


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Dieses Stück wurde bereits vor der Veröffentlichung aus Korrekturabzügen der Neuausgabe
der Wiener Urtext Edition von Markus Traunwieser eingespielt.

Sonderfassungen für Péter Bartók

In der neuen Ausgabe der Wiener Urtext Edition sind außerdem einige Stücke, die Bartók im Exemplar für den Klavierunterricht seines Sohnes Péter mit zusätzlichen Anweisungen, Lernhilfen und Kommentaren versehen hat, enthalten.  Unter den Quellen zum Mikrokosmos hat sich eine Lichtpause des autographen Muttermanuskriptes erhalten, die Béla Bartók für den Klavierunterricht seines Sohnes Péter verwendet hat. Die Stücke aus diesem Exemplar, die ausführliche Eintragungen Bartóks enthalten, sind im Anhang zu den entsprechenden Bänden der Wiener Urtext Edition abgedruckt, wie hier das vorliegende Stück "Spielerei".

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In der Sonderfassung für seinen Sohn Péter hat Béla Bartók bei Nr. 84 (Merriment – Spielerei) besonders großen Wert auf das präzise Niedertreten und Loslassen des rechten Pedals gelegt und dies durch zusätzliche Einzeichnungen genau angezeigt. Dieses Stück wurde vor der Veröffentlichung aus Korrekturauszügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition von Béla Bartók, Mikrokosmos Band II, S. 106- 107 von Markus Traunwieser eingespielt.

Im Umfeld pädagogischer Klavierliteratur

Bartók hat zwei seiner Klavierstücke aus dem Mikrokosmos großen Komponisten der Vergangenheit gewidmet, die Klavierstücke auch für den Unterricht geschrieben haben. 

Nr. 79 – Hommage à J. S. B. – ist Johann Sebastian Bach zugeeignet, der vor allem mit den Zwei- und Dreistimmigen Inventionen ein hervorragendes Lehrwerk hinterlassen hat. 

Mit Nr. 80 – Hommage à R. Sch. – ehrt Bartók Robert Schumann, der mit seinem Album für die Jugend op. 68 eine exzellente Stückesammlung für junge Spieler geschaffen hat. 

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Bartóks Mikrokosmos kann mit Recht den pädagogischen Werken Bachs und Schumanns an die Seite gestellt werden. In seinem Vorwort nimmt Bartók schon Bezug auf bewährte Unterrichtsliteratur und schlägt vor:

 

„Das vierte Heft soll zusammen mit anderen leichten Stücken wie dem ,Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach’, den Etüden von Czerny usw. studiert werden.“

 

Weitere Videos und Notenbeispiele zu Bartóks Mikrokosmos, eingespielt von Klavierschülerinnen und -schülern

Die bisher unveröffentlichten Stücke zum Mikrokosmos von Béla Bartók, einige Sonderfassungen ausgewählter Mikrokosmos-Stücke für Bartóks Sohn Péter sowie eine Frühfassung von Nr. 147 (Marsch) wurden bereits vor der Veröffentlichung aus Korrekturabzügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition eingespielt. Interpreten sind Klavierschülerinnen und Klavierschüler der musischen Abteilung des Bundes-Oberstufenrealgymnasiums (B.O.R.G.) Grieskirchen/Oberösterreich sowie deren Klavierlehrerin Regina Seeber. Als Aufnahmeort wurde uns freundlicherweise der große Saal der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz zur Verfügung gestellt.

Das gesamte Aufnahme-Team im Großen Saal der Anton Bruckner Privatuniversität. 1. Reihe von links: Clemens Wagner, Verena Gahbauer, Hanna Raab, Markus Traunwieser – die PianistInnen. 2. Reihe von links: David Aschauer (Kameramann), Josef Söllinger (Tontechnik), und Prof. Regina Seeber, M.A. (Gesamtleitung)

 

Béla Bartók Mikrokosmos - Bisher unveröffentlichte Stücke B I/1 und BI/2

Die beiden kurzen Stücke B I/1 und 2 sind Übungen im frei-polyphonen Spiel.

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 Das bisher unveröffentlichte Stück B I/2 changiert in einer für Bartók typischen Weise zwischen Moll und Dur.

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Diese beiden Stücke wurden vor der Veröffentlichung aus Korrekturauszügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition von Béla Bartók, Mikrokosmos Band I, UT 50411 S. 70 von Clemens Wagner eingespielt.

 

Béla Bartók Mikrokosmos - bisher unveröffentlichtes Stück B II/1

B II/1 ist eine Art Trillerstudie, erhält aber durch die schillernden Zusammenklänge im Abstand einer None ein besonderes Kolorit. Die Aufspaltung der Trillermelodie in kleine asymmetrische Floskeln – ein weiteres für Bartók charakteristisches Gestaltungsmerkmal – fordert gegen Ende erhöhte rhythmische Aufmerksamkeit.

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Dieses Stück wurde vor der Veröffentlichung aus Korrekturauszügen der Neuausgabe der
Wiener Urtext Edition von Béla Bartók, Mikrokosmos Band II, S. 110 von Regina Seeber, M.A. eingespielt.

 

Béla Bartók Mikrokosmos - bisher unveröffentlichtes Stück B II/2

In B II/2 entwickelt Bartók nach anfänglicher Vorstellung des Tonmaterials kleinräumige Cluster-Bildungen, eine Technik, die der Komponist auch in anderen Stücken des Mikrokosmos in immer neuen Varianten zur Anwendung bringt.

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Dieses Stück wurde vor der Veröffentlichung aus Korrekturauszügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition
von Béla Bartók, Mikrokosmos Band II (UT 50412), S. 111 von Verena Gahbauer eingespielt.

 

Béla Bartók Mikrokosmos - Frühfassung von Nr. 147 (Marsch) - Wiener Urtext Edition

Die Frühfassung von Bartók Mikrokosmos Nr. 147 zeichnet sich vor allem durch das Fehlen der Oktavverdopplungen in beiden Händen aus. Dadurch ist das Stück wesentlich leichter zu spielen, ohne dabei aber seine musikalische Wirkung zu verlieren. Bartók hat diese Fassung in seinen Manuskripten zum Mikrokosmos übrigens nie ausgeschieden.

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Die Frühfassung von Bartóks Mikrokosmos Nr. 147 wurde vor der Veröffentlichung aus Korrekturauszügen der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition von Béla Bartók, Mikrokosmos Band III, S. 108-110 von Regina Seeber, M.A. eingespielt.

Kurzinterviews mit den Spielerinnen und Spielern finden sich folgend als Playliste oder auch auf dem Youtube Channel der Wiener Urtext Edition.

 

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