Die Wiener Urtext Edition

Seit ihrer Gründung im Jahre 1972 hat sich die Wiener Urtext Edition mit ihren hervorragend recherchierten und edierten Ausgaben als zukunftsweisender Verlag für wissenschaftlich fundierte, aufführungspraktisch informative und praxisgerechte Urtextausgaben etabliert.

Von Musikern, Pädagogen, Wissenschaftlern und Musikliebhabern gleichermaßen geschätzt, genießt die Wiener Urtext Edition den Status als Garant für einen zuverlässigen Urtext in praxisgerecht eingerichteten Ausgaben mit gut lesbarem Notenbild, erprobten Wendestellen, augenfreundlichem Notenpapier und hochwertiger Verarbeitung. Das Repertoire erstreckt sich vom Barock bis hinein ins 20. Jahrhundert.

Dass sich der ursprüngliche Klavierschwerpunkt im Laufe der Zeit auch hin zur Bläser- und Streicherliteratur geöffnet hat, stellt nicht nur eine Bereicherung des Verlagsprogramms dar, sondern auch ein Eingehen auf den zunehmenden Kundenwunsch nach zuverlässigen Urtext-Ausgaben jenseits der Grenzen des Klavierrepertoires. So gehören Debussys Syrinx oder Reineckes Undine-Sonate inzwischen ebenso zum Wiener-Urtext-Katalog wie Bachs Violoncello-Suiten oder Schumanns Violinsonaten.

Immer wieder erschließen Ausgaben der Wiener Urtext Edition auch interessante Bereiche abseits ausgetretener Pfade des Standardrepertoires, so etwa Franz Xaver Richters Sonaten für Flöte, Cembalo (Klavier) und Violoncello ad libitum, die Sonaten für Violoncello und Klavier von Carl Reinecke oder die Orgelwerke Carl Philipp Emanuel Bachs.

Manche Neuentdeckung zu bereits bekanntem Repertoire wurde in Ausgaben der Wiener Urtext Edition erstmals für die Praxis bereitgestellt, so etwa die sog. Bozner Sonate von Joseph Haydn oder das Albumblatt Ahnung von Robert Schumann oder die drei Fassungen des Adagio aus Mozarts Klaviersonate in c-Moll KV 457.

Neben der Repertoire-Erschließung ist der pädagogische Gedanke der Heranführung junger Musiker an das authentische Musizieren ein großes Anliegen des Verlages. Genau hier setzt die neue Urtext Primo Reihe an. Mit leichter Literatur, versehen mit Spiel- und Übetipps, bildet sie eine Brücke zwischen einer Klavierschule und dem Einstieg ins Literaturspiel. Urtext Primo ist aber nicht nur für junge Klavierspielerinnen und Klavierspieler geeignet, sondern auch für erwachsene Wiedereinsteiger oder Nebenfachstudenten im Fach Klavier.
Einen besonderen Akzent setzt die Expedition Klavier, die mit Begleit-CD anekdotenreich und spielmotivierend in die Praxis des Klavierspiels einführt und von der Kritik höchstes Lob erfahren durfte.

Die Wiener Urtext Edition hat es sich zum Ziel gemacht, musikalische Werke vom Barock bis in die frühe Moderne in wissenschaftlich-kritischen Ausgaben, sog. Urtext-Ausgaben, für die Praxis verfügbar zu machen. Lesen Sie nachfolgend alles über „Wiener Urtext“ - von der Philosophie bis hin zur Wiener Urtext-Tradition.

Unsere Philosophie

Die Wiener Urtext Edition ist eine wissenschaftlich-kritische Ausgabe für die Praxis und unterscheidet sich von vielen anderen Urtext-Ausgaben durch umfassende textliche Informationen in Deutsch und Englisch (zum Teil auch in Französisch).

Das Vorwort informiert über das Werk, seine Entstehung, musikhistorische Bedeutung und Überlieferung. Die Kritischen Anmerkungen geben trotz gebotener Kürze klar Rechenschaft über Quellenlage und editorische Entscheidungen. Mit Hinweisen zur Interpretation werden dem Musiker Hilfen zur Hand gegeben, die Musik der Aufführungspraxis ihrer Entstehungszeit gemäß darzubieten. Der Notentext selbst wird aufgrund einer genauen Überprüfung aller Quellen durch renommierte Musikwissenschaftler ediert. Namhafte Musiker und Pädagogen steuern Fingersätze und Applikaturen bei.

Wiener Urtext auf den Punkt gebracht

  • Zuverlässiger, an den Quellen überprüfter Notentext, der die Intentionen des Komponisten so authentisch wie möglich wiedergibt
  • Angabe aufführungspraktisch bedeutender Textvarianten in Fußnoten unmittelbar auf der Notenseite
  • Kritische Anmerkungen zum Notentext auf dem aktuellsten Stand der Forschung
  • Informatives Vorwort zur Geschichte der Werke und ihrer Überlieferung
  • Historisch informierte Interpretationshinweise
  • Sparsame Fingersätze und Applikaturen für die Spielpraxis
  • Klar gedrucktes, gut lesbares Notenbild auf angenehm kontrastierendem Notenpapier
  • Praxisgerechte Seitenaufteilung mit erprobten Wendestellen
  • Hochwertige Bindung zum leichten Aufschlagen und Umblättern
  • Umweltverträglich gedruckt mit Ökostrom

Wiener Urtext und Urtext-Tradition

Die Wiener Urtext Edition wurde 1972 von den Verlagen B. Schott's Söhne (heute Schott Music), Mainz, und der Universal Edition, Wien, gegründet. Ziel dieses Gemeinschaftsunternehmens ist es, musikalische Werke vom Barock bis in die frühe Moderne in wissenschaftlich-kritischen Ausgaben, sog. Urtext-Ausgaben, für die Praxis verfügbar zu machen.

Der wesentliche Anspruch besteht darin, auf Grundlage der Quellen einen Notentext zu bieten, der, von späteren Zusätzen und Veränderungen befreit, den definitiven Absichten des Komponisten so nahe wie möglich kommt.

Gerade die musikalische Standardliteratur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war immer wieder vom Schicksal fehlerhafter Überlieferung und der Anpassung an den jeweils herrschenden Zeitgeist betroffen. Viele Werke, zum Beispiel die Klaviersonaten Beethovens und Schuberts, erschienen schon bald nach ihrer Entstehung in fehlerhaften oder absichtlich veränderten Notendrucken. Im späteren 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Kompositionen durch eine Fülle von Ergänzungen (etwa in Phrasierung und Dynamik), ja sogar durch Eingriffe in die musikalische Grundsubstanz entstellt. Der so "bearbeitete" Notentext fixierte die subjektiven Auffassungen einzelner Herausgeber – damals meist berühmte Interpreten –, jedoch nicht mehr den Willen des Komponisten.

Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet die Klaviersonate op. 109 von Ludwig van Beethoven, wo viele Ausgaben – selbst bis in die jüngste Vergangenheit hinein – die in Takt 65 des zweiten Satzes beginnenden Bassoktaven bis zum Ende von Takt 69 fortsetzen. Beethoven selbst hatte dies in seinem Autograph zwar urspünglich auch so vorgesehen, aber bereits vor Drucklegung der Erstausgabe die Bassverdopplungen ab der Mitte von Takt 68 wieder getilgt. Wahrscheinlich wollte er damit das zeitgleich verlaufende Diminuendo durch Ausdünnung des Klanges unterstützen. Herausgeber, die mit einem Hinweis auf die Tastaturgrenzen der damaligen Klaviere die Unteroktaven in den betreffenden Takten ergänzen, übersehen jedoch, dass Beethoven bereits ab der Sonate op. 101 mit der Verfügbarkeit des Kontra-E rechnet, und somit die Begrenzung des Tastaturumfangs kein Argument für eine Oktavverdopplung der Basstöne ist. Daher verstellt die Weiterführung der Bassoktaven in Takt 68 und 69 den Blick auf Beethovens Absicht, die Diminuendo-Dynamik auch in der Satzdichte nachzuvollziehen, eine authentische Interpretation wird unmöglich.

Die Tradition sogenannter "Interpretationsausgaben" hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, auch wenn sich bereits während deren Blütezeit erste Widersprüche regten. So ließ 1895–1899 die Berliner Akademie der Künste unter dem Titel "Urtext classischer Musikwerke" eine Reihe berühmter Kompositionen, darunter die Klaviersonaten Mozarts und Beethovens, erscheinen, deren Notentext von allen willkürlichen Zutaten gereinigt war. Der Begriff Urtext, der aus den Sprachwissenschaften übernommen wurde, hatte auch in der Musikliteratur Einzug gehalten und sollte von nun an zum Synonym für alle von subjektiven Zusätzen freien, quellentreuen Ausgaben werden.

Freilich war es von diesen ersten Versuchen bis zu unseren modernen Urtextausgaben noch ein weiter Weg. Einer der ersten, der sich dieser neuen Editionsrichtung anschloss, war Heinrich Schenker (1867–1935). Seine Studien an den Originalquellen der Klaviersonaten Beethovens, vor allem an den erhalten gebliebenen Autographen, wurden zur Grundlage seiner heute bereits legendären Urtext-Ausgabe sämtlicher Klaviersonaten Ludwig van Beethovens, die 1922–1934 im Verlag Universal Edition in Wien erschien. Heinrich Schenker kann gleichsam als Urahn der Wiener Urtext Edition gelten. Ihm ist ein ganz wesentlicher Schritt zu verdanken, der als Vorstufe für die Prinzipien der Wiener Urtext Edition nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Bei ihrer Gründung 1972 konnte die Wiener Urtext Edition nach einem halben Jahrhundert nahezu ungebrochen an Schenkers Pioniertat anknüpfen. Ihr Mitbegründer Erwin Ratz (1898–1973) hatte 1945, nachdem wichtige Quellen wieder entdeckt worden waren, die Schenker-Ausgabe der Beethoven-Sonaten umfassend revidiert. Ratz ist somit das Bindeglied in der seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien lebendigen Urtext-Tradition.

Nach den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, denen auch viele Quellen musikalischer Werke zum Opfer gefallen waren, erwachte in Musikwissenschaft und Musikpraxis ein neues konservatorisches Denken. In seinem Gefolge entstanden die zahlreichen Gesamtausgaben und mit ihnen auch neue und verfeinerte Editionsmethoden. Diese nahmen nachhaltigen Einfluss auf die Generation von Karl Heinz Füssl (1924–1992) und Hans-Christian Müller (1935–1993), die nach Ratz' Tod die Editionsleitung der Wiener Urtext Edition übernahmen. Beide wirkten als Herausgeber an renommierten Gesamt- und Denkmäler-Ausgaben mit und brachten ihren reichen Erfahrungsschatz als Editor, Musikhistoriker und Musikpraktiker in die Wiener Urtext Edition ein.

Nach dem Tod von Karl Heinz Füssl und Hans-Christian Müller übernahmen Rainer Mohrs (Schott Music, Mainz) und Reinhold Kubik (Universal Edition, Wien) die redaktionelle Leitung der Wiener Urtext Edition. Seit 1996 liegt die Gesamtredaktion in den Händen des Musikwissenschaftlers Jochen Reutter.

Neue Quellenfunde und Erkenntnisse der sog. historisch informierten Aufführungspraxis haben die Editionsprinzipien von Urtext-Ausgaben in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal nachhaltig beeinflusst. So gelangte die Forschung beispielsweise zur Einsicht, dass nicht zu allen musikhistorischen Epochen (z.B. im 18. Jahrhundert) mit einem in allem und ein für alle Mal festgelegten Notentext gerechnet wurde. Abweichungen in den Quellen (etwa in den Werken Mozarts) dokumentieren oft mehrere gleichwertige Fassungen ein und derselben Komposition. Daher stellt die Wiener Urtext Edition aufführungspraktisch bedeutende Varianten in ihren Ausgaben in Form von Fußnoten, Ossia-Takten oder auch als gesonderten Abdruck eines ganzen Satzes der musikalischen Praxis zur Verfügung. Damit kann der Musiker selbst entscheiden, welche Variante oder Version er bei welcher Aufführung wählt. Der Urtext entwickelt sich dort, wo es gegeben ist, zu einem „offenen“ Notentext, der keine absolute Sicherheit vortäuscht, wo diese nicht existiert bzw. nie existiert hat.

So gibt z.B. die Neuausgabe der Sonate in c-Moll (KV 457) von W. A. Mozart den langsamen Satz erstmals in allen drei überlieferten Fassungen wieder; sie sind erst 1990 mit der Wiederentdeckung des Autographs zugänglich geworden. Von J. S. Bachs Chromatischer Fantasie wird nicht nur die traditionelle Hauptfassung abgedruckt, sondern auch die Frühfassung und eine spätere Version, die in einer Abschrift des ersten Bach-Biographen, Johann Nikolaus Forkel, überliefert ist. Letztere zeigt neben zahlreichen Verfeinerungen im Notentext minutiöse Wechsel in der Behalsung der Noten, mithilfe derer die Verteilung der Passagen auf die beiden Hände angezeigt wird.

In solchen editorischen Prinzipien äußert sich der für die Wiener Urtext Edition in jeder Hinsicht charakteristische Bezug zur musikalischen Praxis.

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